HERMINE HAUSL
Der Haß gegen das Natürliche, des Kranken gegen das Gesunde ist heute das Hauptgebiet meiner psychiatrischen Forschung. Ich nenne das Problem die emotionale Pest, und ich begreife es als biologisches Problem... Ich weiß nicht, ob Sie mit dem orgonomischen Bild der Struktur des menschlichen Charakters vertraut sind - dem Kern, der mittleren Schicht und der Peripherie. Das verschafft einem ein sehr praktisches Werkzeug für die Arbeit mit Patienten. Es ist ein bio-energetisches Werkzeug. Man kann den menschlichen Charakter nicht mit psychoanalytischen Mitteln erfassen. Man muss die Charakteranalyse und die Orgontherapie anwenden. Menschliche Wesen leben äußerlich emotional, in ihrer äußeren Erscheinung. Richtig? Um zum Zentrum zu gelangen, wo das Natürliche, das Gesunde liegt, muss man diese mittlere Schicht durchdringen. Und in dieser mittleren Schicht ist Schrecken, nicht nur das - auch Mord. Alles das, was Freud unter dem Begriff des Todestriebes zusammenzufassen versuchte, findet man in dieser mittleren Schicht. Er glaubte, das sei biologisch bedingt. Aber das stimmt nicht. Es ist ein künstliches Produkt der Kultur. Es ist eine strukturelle Bösartigkeit des menschliche Wesens. Deshalb muss man durch die Hölle gehen, bevor man das erreicht, was Freud Eros nannte, und was ich orgonotische Strömung oder plasmatische Erregung nenne (die grundlegende Plasmaaktion des bioenergetischen Systems). Durch die Hölle muss man! Das gilt sowohl für den Arzt als auch für den Patienten. In dieser Hölle ist Verwirrung, schizophrener Zusammenbruch, melancholische Depression. All das. Ich habe es in Charakteranalyse beschrieben. Ich brauche es hier nicht zu wiederholen. Aber warum sprechen wir überhaupt von der Lebenskraft? Es gibt nur einen Grund: um Ihnen zu zeigen, warum niemand sich daranwagte oder versuchte, das biologische Zentrum zu erreichen, womit ich mich derzeit beschäftige. Bevor man dieses Zentrum erreichen kann, muss man sich mit Hass, Schrecken und Mord konfrontieren. Alle diese Kriege, all das Chaos jetzt - wissen Sie, was das für mich ist? Die Menschheit versucht, ihr Zentrum wiederzugewinnen, ihr lebendiges, gesundes Zentrum. Aber bevor es erreicht werden kann, muss die Menschheit diese Phase des Mordes, des Totschlags und der Zerstörung überwinden. Das, was Freud den Destruktionstrieb nannte, findet man in der mittleren Schicht. Ein Stier ist verrückt und zerstörungswütig, wenn er frustriert wird. Mit dem Menschen ist es genauso... Die Panzerung, sehen Sie, so ungefüge und schlecht sie auch sein mag, ist eine Schutzvorrichtung, und es ist gut für jedes Individuum, sie unter den gegenwärtigen sozialen und psychischen Bedingungen zu besitzen. Sonst könnte man nicht überleben... Es wird sehr lange dauern, Jahrzehnte, Jahrhunderte vielleicht, ich weiß es nicht - bis neue Generationen herangewachsen sind, deren Strukturen anders sind.
Wilhelm Reich über Sigmund Freud , Interview mit Dr. Eissler, Okt. 1952
Ich habe mich bemüht zu zeigen, dass die Neurosen Ergebnisse der patriarchalisch-familiären und sexualunterdrückenden Erziehung sind, dass ferner ernsthaft nur eine Neurosenprophylaxe in Frage kommt, zu deren praktischer Durchführung im heutigen gesellschaftlichen System alle Voraussetzungen fehlen, dass erst eine grundsätzliche Umstülpung der gesellschaftlichen Institutionen und Ideologien, die von dem Ausgang der politischen Kämpfe unseres Jahrhunderts abhängt, die Voraussetzungen einer umfassenden Neurosenprophylaxe schaffen wird... Die erste Bemühung der Psychotherapie, sofern sie sich für die künftigen Aufgaben der Neurosenprophylaxe rüsten will, muss somit die Schaffung einer Theorie der Technik und Therapie sein, die von den dynamischökonomischen Prozessen im psychischen Geschehen ausgeht.
Aus: W.R., Charakteranalyse (1933)
Der Orgon-Energie-Akkumulator: Eine Vorrichtung zum Sammeln und Konzentrieren der atmosphärischen Orgonenergie, durch eine bestimmte Anordnung von organischem und metallischem Material, die auf der Tatsache beruht, dass diese Energie vom Ersteren absorbiert und vom Letzteren reflektiert wird.
Dr. Reich: Grundsätzlich entdeckte Freud das Prinzip des energetischen Funktionierens des psychischen Apparats - die Libidoenergie. Dr. Eissler: Glauben Sie, dass Freud die Libidotheorie aufgegeben hat? Dr. Reich: Nein. Niemals! Niemals! Er konnte nur nicht voranschreiten. Er blieb hängen. Ich glaube, ich war es, der den Weg gefunden hat, den Weg, den ich so erfolgreich gegangen bin. Er führte mich durch die Charakteranalyse, die Emotionen, die Lustängste, die gegensätzlichen Richtungen des Strömens der Bioenergie im Organismus, von da zur Plasmabewegung - ja, zur Amöbe - und dann zur Orgonenergie außerhalb. Libido als physikalische, kosmische Realität - das ist mein Werk. Freud hat das Konzept geliefert. Dort habe ich angesetzt. Das war in meinen Augen seine größte Tat. Er war ein sehr großer Mann, ein sehr großer Mann."
Die charakterlichen Panzerungen erscheinen (...) als funktionell identisch mit muskulärer Hypertonie. Der Begriff funktionell identisch, den ich neu einführen musste, besagt nichts anderes, als dass muskuläre und charakterliche Haltungen im seelischen Getriebe dieselbe Funktion haben, einander ersetzen und gegenseitig beeinflussen können. Im Grunde sind sie nicht zu trennen, in der Funktion identisch.
W. R.: Die Entdeckung des Orgons. Die Funktion des Orgasmus (1942)
Diese "Rede an den kleinen Mann" ist ein menschliches, kein wissenschaftliches Dokument. Es wurde im Sommer 1946 für das Archiv des Orgon-Instituts abgefaßt, ohne Absicht, es je zu publizieren. Es war das Ergebnis der inneren Stürme eines Naturforschers und Arztes, der jahrzehntelang zunächst mit Naivität, dann mit Staunen und schließlich mit Entsetzen erlebte, was der kleine Mann aus dem Volke sich selbst antut; wie er leidet, rebelliert, seine Feinde verehrt und seine Freunde mordet; wie er, wo immer er als "Volksvertreter" Macht in seine Hände bekommt, sie missbraucht und grausamer handhabt als die Macht, die er vorher seitens einzelner Sadisten der oberen Klassen zu erdulden hatte.
W.R.: Rede an den kleinen Mann. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a.M. 1984. S. 9 (Vorbemerkung). Originalausgabe: "Listen Little Man". Farrar, Strauss and Giroux. New York 1948.
Eva Reich wurde am 27. April 1924 als erstes Kind Wilhelm Reichs in Wien im Rudolfinerhaus geboren. Ihre Mutter war Annie Pink, Wilhelm Reichs erste Frau. 1928 kam Evas Schwester Lore zur Welt. 1930 zog die Familie nach Berlin und die Eltern trennten sich. 1933 mussten Eva und Lore alleine mit dem Zug nach Wien zu den Großeltern fliehen. 1938 emigrierte Annie Pink mit ihren Töchtern nach New York. Eva Reich studierte Medizin, bekam1948 ihren Doktor und arbeitete dann in New York - zwei Jahre lang als Internship-Ärztin, ohne dafür Geld zu bekommen. 1950 zog sie als Forschungsassistentin neben 6-8 anderen Leuten zu W. Reich nach Orgonon. Im Jänner 1951 arbeitete sie am Oranur-Experiment ihres Vaters mit. Beim Tod ihres Vaters 1957 war Eva Reich 33 Jahre alt. Wilhelm Reich hatte Anfang 1957 seine Tochter Eva zu seiner Nachlassverwalterin bestimmt. Doch Eva bestimmte die interessierte und begüterte Mary Higgins zu ihrer Vertreterin in der Verwaltung des Nachlasses ihres Vaters. Eva betrieb von 1952-1962 eine allgemeinmedizinische Dorfpraxis in Hancock/Maine. Sie hat dort viel mit Schwangeren gearbeitet und leistete Geburtsarbeit. Aufgrund der harten Winter kam es zu vielen Hausgeburten. Das hat ihr ermöglicht, viel Erfahrung mit sanfter Geburt, mit Stillen und den Problemen der nachgeburtlichen Betreuung der Mütter zu sammeln. Eva Reich ist einerseits Vermittlerin des väterlichen Wissens, andererseits hat sie zentrale eigene Aspekte der Heilung und Präventionen entwickelt. Ihr besonderes Augenmerk galt der „sanften Bioenergetik“ oder der „sanften Vegetotherapie“. Ihr Hauptanliegen war es, Schwangerschaft und Geburt lebendig und liebevoll zu ermöglichen und damit Neurosen vorzubeugen. Sie sagte: “Mit schwangeren Frauen muss man anders arbeiten, denn sie haben einen ganz dünnen Panzer oder gar keinen, da geht innerhalb kurzer Zeit in sanfter Weise therapeutisch sehr viel weiter.“ Eva Reich arbeitete viel mit dem Orgon-Akkumulator, damit die Frauen aus ihrer Erschöpfung und Unterladung wieder zu Kraft kamen, wie auch mit „Babymassage“, um Babys nach der Geburt zu entspannen, wenn sie geweint haben. Sie hat bei Seminaren, die sie auch in Wien hielt, Orgondecken gebaut, deren Funktion erklärt und viel über gesunde Ernährung gesprochen. Eva Reich hat ihr Wissen bei Vorträgen, Workshops und Seminaren weltweit weitergegeben. Heute lebt sie völlig zurückgezogen auf einer Farm auf dem Land in Maine/USA.
In Zusammenarbeit mit Eszter Zornanszky hat sie ein Buch geschrieben: Lebensenergie durch Sanfte Bioenergetik (Kösel - April 1997)
Hermine Hausl, Wilhelm Reich Institut, Wien
